
# Taschenbuch: 550 Seiten
# Verlag: edition nove (28. Mai 2009)
# Sprache: Deutsch (in Übersetzung: Englisch und Ungarisch)
# ISBN-10: 3852517362
# ISBN-13: 978-3852517360
Buchrücken
Schottland im 11. Jahrhundert. In den nördlichen Highlands lebt der Clan MacKay unter harten Bedingungen. Um zu überleben, brauchen sie Verbündete. Doch auch mit feindlichen Clans haben sie zu kämpfen, wie mit den Sutherlands, die vermeintlich immer wieder die existierenden Friedensverhandlungen missachten und schon einige Todesopfer gefordert haben. Dies ist ein schwerer Schicksalsschlag für Mae und ihre Mutter, als nach der Ermordung des Sohnes auch der Vater - der Friedensbotschafter - brutal durch einen Hinterhalt getötet wird. Nach diesem Vorfall rechnet das junge Mädchen nicht damit, dass ihr Leben eine überraschende Wendung nehmen könnte. Aber auch das Schicksal ihrer Mutter, der schönen Witwe Audrey, verändert sich schlagartig, als diese durch ein schreckliches Unglück fast ihr Leben verliert und von dem Clansherren gerettet wird. Wird Mae jemals glücklich werden und wird Audrey wieder ins Leben zurück finden?
Ausschnitt aus Kapitel 9
Warm schienen die ersten Sonnenstrahlen auf Audreys Gesicht, die kraftlos auf der Seite lag und müde ihre Augen öffnete. Ihr Blick fiel auf die leere Seite des Bettes, wo das Kissen von Gavin lag, genauso wie an dem Tag, als er aus ihrem Leben geschieden war.
Sanft berührte sie mit den Fingerspitzen das Laken am leeren Platz, bevor die Tränen wieder in ihre Augen stiegen. Genauso leer fühlte sich ihr Herz an, ihre Seele, die vor Einsamkeit ihrem Gemahl folgen wollte.
Audrey berührte das Kissen, legte ihre Wange darauf und vernahm immer noch seinen maskulinen Duft.
Wie sehr sie ihn doch geliebt hatte ...
Unaufhörlich liefen ihr die Tränen über die Wangen, benetzten den Leinenüberzug des Kissens und sie sog fest Gavins Duft ein. Niemals war ihr in den Sinn gekommen, dass sie vielleicht eines Tages eine Witwe werden könnte. Ihr Gatte war immer ein ausgezeichneter Krieger gewesen. Stark, mutig und immer überdachte er seine Handlungen.
Tief seufzend drehte sie sich auf den Rücken und blickte zur Decke, die kleinere Ritzen im Balken und dem Strohdach aufwiesen. Gavin hätte dies bereits ausgebessert, wenn er es bemerkt hätte.
Auf einem Mal kam ihr der gestrige Abend in den Sinn und sie erinnerte sich, wie der hünenhafte Highlander mitten in der Hütte gestanden hatte.
Das letzte Mal, als der Vasall hier gewesen war, hatte er ihnen sein Beileid zu Ians Tod ausgesprochen und danach mit Gavin ein langes Gespräch geführt. Und nun lag er schon mehr als drei Wochen unter der Erde.
Eigentlich zählte Audrey nicht die Tage, sie wusste es einfach, weil Anne sie jeden Sonntag zur Messe drängen wollte und sie sich darauf immer weigerte aufzustehen.
Kein einziges Mal hatte sie das Haus verlassen, kein einziges Mal sein Grab besucht.
Schuldgefühle keimten in ihr auf und sie biss sich auf die Unterlippe, um den fließenden Tränen Einhalt zu gebieten. Audrey legte einen Arm auf ihre Augen und hörte der Geräuschkulisse zu, die draußen vor dem Haus langsam ihren Gang nahm.
Sie erinnerte sich, dass sie auch immer frühmorgens aufgestanden war, um das tägliche Brot zu backen. Ihre Kinder waren durch den herrlichen Duft erwacht und begrüßten sie immer mit einem Kuss auf die Wange.
Wie glücklich sie doch damals gewesen waren ...
Die Bilder die vor ihrem geistigen Auge erschienen, ließen ihr Herz zusammen fahren.
Nun waren Mae und sie alleine ...
Mae ...
Ihre Tochter, besann sie sich, hatte sie schon lange nicht mehr gesehen. Audrey wusste nicht einmal wie es ihr ging. Bestürzt über diese Erkenntnis, setzte sie sich müde im Bett auf und blickte sich um.
Halb verdunkelt lag der Raum da, still und ohne Leben. Genau das Gegenteil von früher ...
Aber wo war Mae?
Mit so viel Kraft die sie aufbringen konnte, erhob sich Audrey vom Bett und lief zu der Tür zum Nebenraum.
Das Licht erhellte das Zimmer in ein warmes Dämmerlicht, das direkt auf ihre Tochter schien. Sie lag friedlich schlafend in ihrem Bett, doch die Tränenspuren die sich auf ihrer Wange abzeichneten, waren deutlich zu sehen.
Ihr Herz schmerzte bei ihrem Anblick, schmerzte von der Einsamkeit, die auch ihre Tochter empfinden musste.
Sie hatte sie seit dem Tod ihres Vaters alleine gelassen, sie kaum beachtet und ihr seither nicht einmal ein Lächeln geschenkt. Über ihre eigene Verantwortungslosigkeit krampfte sich ihr Magen zusammen.
Wie musste Mae sich denn fühlen ...
Sie konnte doch das einzig Übriggebliebene von Gavin nicht einfach vergessen, sonst würde sie sie auch noch verlieren!
Audrey wischte sich die Tränen von ihren Wangen und lief auf leisen Sohlen zu dem Kamin im Nebenzimmer, wo sie hastig ein Feuer entfachte. Danach richtete sie sich wieder auf und schaute sich um.
Alles sah sehr vernachlässigt aus.
Sie wusste, dass Anne jeden Tag kam, aber alles konnte ihre Schwägerin auch nicht erledigen. Das trockene Brot auf dem Tisch sah auch nicht sehr appetitlich aus. Dies konnte sie unmöglich ihrem Kind als Frühstück geben.
Entschieden lief sie zurück zum Wandschirm, kleidete hastig ihr schwarzes Trauerkleid an, band ihr Haar als Knoten auf den Hinterkopf und betrachtete sich ihm Handspiegel. Nun, sie sah nicht wie eine Schönheit aus, vor allem hatte sie sehr viel an Gewicht verloren, doch dies war nicht von Belang. Bevor sie hinter dem Schirm hervortrat, band sie noch ihre weiße Schürze um die Taille und atmete noch einmal tief durch.
Sie durfte nicht mehr länger in Selbstmitleid verfallen, Gavin hätte das bestimmt auch nicht gewollt, entschied Audrey und lief zum Tisch hinüber, um das trockene Brot in die Hände zu nehmen.
Ihre eigenen Brote waren auch nach zwei Tagen nicht so steinhart wie dieses hier. Wahrscheinlich war es ein Geschenk von einem Clanmitglied das ihnen helfen wollte. Aber zuerst musste hier gelüftet werden, bevor sie auch nur irgendetwas beginnen konnte.
Sie rollte alle Felle, die als Verdunkler dienten, auf und öffnete die Läden. Der frische Frühlingswind blies ihr entgegen und Audrey atmete tief den herrlichen Duft ein.
Der Besen stand auch schon zu lange an seinem Ort, den sie nun ohne zu zögern ergriff und anfing, den Boden der Hütte zu fegen. Mae sollte ein sauberes Zuhause vorfinden, wenn sie erwachte, genauso wie vor Gavins Tod, entschied sie.
Jedes Mal, wenn ihr Gemahl ihr in den Sinn kam, musste sie die Tränen hinunter kämpfen.
Es war schwer, doch sie musste es für Mae tun!
Auch wenn es ihr etwas schwer fiel sich zu bewegen, musste sie es tun. Zu lange hatte sie im Bett gelegen und sich nicht nützlich gemacht.
Weiter in ihrer Arbeit öffnete Audrey dann die Tür, um den Staub und Schmutz aus der Hütte zu kehren.
Ihr kleiner Garten vor dem Haus war auch schon ganz verwuchert, aber sie würde sich später darum kümmern.
Zuerst musste sie frisches Brot backen.
Entschieden legte sie den Besen beiseite und blicke in die kleine Vorratskammer, die neben dem Kamin in der steinernen Wand eingelassen war.
Die kleinen Säcke mit Hafer, Gerste und Weizen waren leer. So auch die Körbe mit Äpfeln, Nüssen, getrocknetem Fleisch, Kräutern und Wurzeln, die sie zum Kochen brauchte.
Seufzend packte sie einen großen Korb, erhob sich und begab sich schließlich hinaus in den kühlen Morgentau.
Sie musste unbedingt ihre Vorräte auffüllen, sonst würden sie beide noch verhungern.
Nur wenige Clansmitglieder waren so früh auf den Beinen, aber sie begrüßten sie mit einem freundlichen ‚Guten Morgen.‘ Erkundigten sich nach ihrem Befinden, oder nickten ihr von Weitem her zu.
Es war ein seltsames Gefühl, wieder unter ihren Leuten zu sein, aber auch ein gutes. Ihr Kopf schien befreit von den Sorgen, Kummer und Leid. Und die Schmerzen, die ihren Körper seit längerem vom Liegen befallen hatten, waren etwas erträglicher als zuvor.
Vor dem Torbogen angekommen, begrüßte sie freundlich die beiden Wächter, die ihr interessiert nachblickten, als sie den Innenhof betrat und in Richtung Vorratskammern lief.
Sie sah immer noch sehr blass aus, aber die Krieger freuten sich, Gavins Witwe wieder unter ihnen zu wissen. Auch ihnen war aufgefallen, dass Audrey schon seit langem nicht mehr erblickt wurde.
Mit einem Mal blieb die schöne Witwe jedoch wie angewurzelt stehen und starrte den Mann an, der gerade auf sie zugelaufen kam und erst kurz vor ihr innehielt.
Kenneth hatte Audrey schon beim Torbogen erblickt und war nicht eher aus dem Schatten getreten, bevor er nicht wusste, wohin sie laufen würde. Als sie direkt seine Richtung ansteuerte, wartete der Laird bis sie ein wenig näher kam.
Ihr Gesicht war aschfahl und hatte einen unnatürlichen grauen Ton angenommen, aber ihre Augen waren immer noch so schön wie er sie in Erinnerung hatte. Kenneth blieb vor ihr stehen und lächelte sie freundlich an.
„Guten Morgen Audrey“, hob er mit einem Nicken an und verschränkte dabei die Hände hinter dem Rücken.
Audrey erwiderte zögernd sein Lächeln und knickste in voller Form der Höflichkeit.
„Guten Morgen Laird“, erwiderte sie fast flüsternd und trat mit gesenktem Haupt zur Seite, um ihm Platz zu machen. Doch Kenneth bemühte sich, sich nicht zu rühren, wobei sie ihn fragend ansah.
„Sagt mir Audrey, wie geht es euch? Ich habe gehört ihr wart nicht in einem guten Zustand“, fragte er interessiert und trat etwas näher an sie heran und musterte dabei ihr schönes Gesicht.
Sie konnte seine Gegenwart merklich spüren, denn seine Nähe verwirrte sie noch heute, nach all den Jahren. Und wenn er mit ihr sprach, verspürte Audrey eine derartige Nervosität in sich aufsteigen, dass sie sich selber fragte, warum sie so reagierte. Nicht weiter drauf achtend, sah sie ihm direkt in die Augen.
„Danke Laird, dass ihr euch nach mir erkundigt.“ Ihre Stimme zitterte leicht bei ihren Worten. „Aber ihr braucht euch meinetwegen keine Sorgen zu machen. Mir geht es den Umständen entsprechend gut.“ Kenneth nickte.
Er glaubte ihr zwar nicht ganz, nicht nach ihrem Aussehen nach zu urteilen, aber er stellte keine weiteren Fragen mehr.
„Man hat euch meine Entscheidung bereits mitgeteilt, nehme ich an?“, begann er von Neuem und betrachtete gleichzeitig ihre zierliche Gestalt.
Audrey war in den letzten Wochen mager geworden. Das konnte er ihr nicht verübeln. Er hatte nach dem Tod seiner Gemahlin auch nur wenig zu sich genommen. Aber er hoffte, dass sie nicht immer so bleiben würde.
Ihre herrlichen Rundungen waren für ihn immer eine Augenweide gewesen. Kenneth beschloss mit Malcolm darüber zu sprechen, da er nun für ihre Fleischvorräte verantwortlich war.
„Ja Laird. Und es ist für mich eine Ehre daran teilnehmen zu dürfen“, erwiderte Audrey und riss ihn dabei aus seinen Gedanken.
Kenneth nickte knapp und war im Begriff zu gehen, als die Witwe leise ein ‚Danke‘ flüsterte. Der Laird starrte sie bei diesem Wort unmittelbar an und wusste auch ohne zu fragen, was sie damit meinte.
Mit einem sanften Lächeln entfernte er sich langsam von ihr und Audrey eilte danach hastig zu den Vorratskammern.
Sie musste einige Male tief durchatmen, bevor sie den Raum betrat.